Wenn die Oper das Theater verlässt: Mozart, die Met und klassische Musik im Zeitalter neuer Technologien
Was haben das Mozart Interactive Museum in Prag und die Metropolitan Opera in New York gemeinsam? Beide zeigen, dass wir für klassische Musik heute nicht immer in die Vergangenheit reisen müssen. Manchmal genügt Technologie.
Stell dir vor, du sitzt im Kino und vor dir öffnet sich gerade der Vorhang der Metropolitan Opera in New York. Auf der Bühne singen die Stars vor Tausenden von Zuschauern. Du aber siehst sie aus nächster Nähe – viel näher, als du sie von einem gewöhnlichen Platz im Zuschauerraum je sehen könntest. Und wenn die Pause kommt, nimmt dich die Kamera direkt mit hinter die Kulissen. Du verfolgst Interviews mit den Künstlern, die Vorbereitungen auf die Vorstellung und eine Atmosphäre, die du sonst nie erleben würdest.
Genau in diesem Jahr ist es 20 Jahre her, dass die Metropolitan Opera begann, ihre Vorstellungen in Kinos auf der ganzen Welt zu übertragen.
Und das ist nicht nur eine Geschichte über Technologie. Es ist auch eine Geschichte darüber, wie sich unsere Art, klassische Musik zu erleben, verändert – und wie wir mit neuen Technologien die Kunst Menschen näherbringen können, die ihr sonst vielleicht nie begegnet wären.
Vom Opernhaus ins Kino
Als die Opernübertragungen vor zwanzig Jahren aufkamen, waren sie für viele Zuschauer etwas völlig Neues. Für einen Abend verwandelte sich das Kino in ein Opernhaus. Manche kamen in Abendgarderobe, applaudierten nach den Arien und erhoben sich nach dem letzten Ton zu Standing Ovations.
Heute ist das anders. Zur Opernübertragung kannst du ruhig in Jeans kommen und dir vor der Vorstellung Popcorn holen – und trotzdem etwas erleben, das mit einem gewöhnlichen Kinoabend nur wenig gemeinsam hat.
Technologie muss einer Aufführung nämlich nichts von ihrer Lebendigkeit nehmen. Im Gegenteil: Auf ihre Weise kann sie diese sogar vermitteln. Die Kamera bringt dich ganz nah an die Künstler heran und zeigt dir Gesichter, Gesten und das Geschehen hinter der Bühne. In der Pause wird der Zuschauer außerdem fast zum Besucher, der einen Blick hinter den Vorhang werfen darf.
Genau dieser Gedanke prägt auch das Mozart Interactive Museum in Prag: moderne Technologien nicht einzusetzen, um lebendige Kunst zu ersetzen, sondern um einen neuen Weg zu ihr zu öffnen.
Stars aus nächster Nähe
In zwanzig Jahren sind die Übertragungen aus der Metropolitan Opera zu einem Phänomen geworden und haben Millionen von Zuschauern die großen Gesangsstars der Welt nähergebracht. Zu den Namen, die mit ihnen verbunden sind, gehören zum Beispiel Renée Fleming und Jonas Kaufmann. Und auch der tschechische Bassbariton Adam Plachetka, der auf der Bühne der Metropolitan Opera schon viele Male den Leporello in Don Giovanni gesungen hat.
Mit Adam Plachetka verbindet das Mozart Interactive Museum außerdem etwas Persönliches: Er trat auch bei der feierlichen Eröffnung unseres Museums am 12. Dezember 2024 auf.

Der Unterschied im Maßstab hätte kaum größer sein können. Im Museum sang er in intimer Atmosphäre, begleitet vom Klavier, für rund hundert Zuhörer. In der Metropolitan Opera tritt er vor fast viertausend Zuschauern auf, und über die Übertragungen erreicht seine Darbietung ein Publikum auf der ganzen Welt.
Noch interessanter ist aber etwas anderes: Für den Sänger selbst ändert die Größe des Raums nichts Grundlegendes.
In einem Interview mit dem Tschechischen Rundfunk erzählte Adam Plachetka, dass er immer mit voller Hingabe singt – ob vor hundert Menschen oder vor mehreren Tausend.
Und genau hier begegnen sich die beiden Welten – die große Oper und das kleine interaktive Museum – auf überraschende Weise.
Technologie als Brücke, nicht als Ersatz
Natürlich kann ein interaktives Museum den lebendigen Mozart nicht ersetzen, genauso wenig wie das Kino einen Abend in der Metropolitan Opera ganz ersetzen kann.
Es kann aber etwas anderes bieten: eine neue Art, der Vergangenheit und der Kunst zu begegnen.
Mozart lebte im 18. Jahrhundert. Seine Musik, seine Briefe, seine Geschichten und die Welt, in der sie entstanden sind, müssen aber nicht in der Vergangenheit verschlossen bleiben. Interaktive Technologien ermöglichen es uns, sie mit den Augen von heute zu betrachten – in die Geschichte einzutauchen, die Musik zu hören, Zusammenhänge zu entdecken und uns ein eigenes Bild von dem Menschen zu machen, der hinter all dem stand.
Ähnlich verschieben die Übertragungen der Metropolitan Opera die traditionelle Grenze zwischen Bühne und Publikum. Oper muss nicht mehr nur ein Erlebnis für diejenigen sein, die in einem bestimmten Opernhaus sitzen. Sie kann ins Kino kommen – und über weitere Technologien auch in Wohnzimmer auf der ganzen Welt.
Klassische Musik muss also nicht dort bleiben, wo wir sie immer erwartet haben. Sie kann ins Kino kommen. Ins Museum. In die virtuelle Realität. Und gerade deshalb kann sie auch Menschen erreichen, die noch nie ein Opernhaus oder ein Museum betreten haben.
Und Mozart? Er hätte an diesem Gedanken wohl kaum Anstoß genommen. Schließlich war er selbst ein großer Experimentator und ein Komponist, der seine Musik an unterschiedliche Orte, Gattungen und Publikumskreise anzupassen wusste.
Vielleicht müssen wir heute also gar keine Antwort auf die Frage suchen, ob Technologie zur klassischen Musik gehört.
Viel spannender ist die Frage: Wohin kann uns die klassische Musik mit ihrer Hilfe noch führen?